Trägerverbund

Projekt Innenstadt e.V. Hamburg

Aktuelle Themen und Schwerpunkte

Ludwig Görtz
Einführungsvortrag am 26.01.2011

Thema: "Vorstellung des Innenstadtkonzeptes“
Handelsstandort Innenstadt

Sehr geehrte Damen und Herren,

nahezu gleichzeitig erschienen kürzlich der erste Entwurf »Weißbuch Innenstadt«, herausgegeben vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und das »Innenstadtkonzept Hamburg 2010« der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt.

Offensichtlich wird überall in Deutschland erkannt, dass der langjährige Trend der Flucht aus den Städten, die Zersiedelung der kostbaren stadtnahen Landschaften, die Vereinnahmung der »grünen Wiese« durch den Einzelhandel zu einem Ende gekommen ist. Der ungebremste Wildwuchs an Shoppingcentern mit ihren landschaftsfressenden Autobahnanschlüssen und Parkplätzen scheint seinen Höhepunkt überschritten zu haben, wenn auch freilich abgelöst von den völlig überflüssigen »Outlet-Centern«. Der Handel kehrt also in die Städte zurück.

Aber auch der demografische Wandel, die Alterung der Gesellschaft und die rasante Verlagerung des stationären Einzelhandels auf das Internet, also: shopping weg von der Straße auf die Wohnzimmer-Couch, stellt Stadtplaner und Handel vor ganz neue Aufgaben.

Aber nicht nur der Einzelhandel besinnt sich wieder auf die Stadt, auch die Menschen mit Kleinfamilien, die Singles, die Alten, die Gebrechlichen, die Kommunikativen, die Kulturhungrigen, sie alle suchen wieder die identitätsstiftende Stadtheimat.

Nur: Wer zurückkehrt, braucht Wohnungen. Da stadtnahe Villen und Stadthäuser in Rotherbaum, Harvestehude und Winterhude mittlerweile durch Anwaltskanzleien und Werbeagenturen zwangsbesetzt und zweckentfremdet wurden, stellt sich die Frage, wohin mit all den Stadthungrigen, die hochwertigen städtischen Wohnraum suchen?

Die Hafencity hat ihre Kapazitätsgrenze erreicht, selbst wenn im östlichen Teil weitere 5800 Wohneinheiten entstehen.

Ich denke bisweilen zurück an die lebhaften Diskussionen mit Prof. Peichl, Wien in den Anfängen des Trägerverbunds, also vor 25 Jahren. Ihm, Peichl, war es vertraut, dass Menschen in der Innenstadt wohnen. Also kam von ihm der Vorschlag »Wohnen unterm Dach«, alle Bürohäuser sollten ihre oberen Etagen freimachen für Lofts.

Nun, daraus ist nichts geworden, wie wir wissen. Aber ich werde nachher noch einen weiteren Vorschlag machen.

Zuvor möchte ich mich der Standortbestimmung Hamburgs im Städtevergleich widmen, dem sogenannten Städte-Ranking. Mich betrübt jedes Mal, wenn ich sehe, dass meine Stadt, unsere Stadt bestenfalls im undankbaren Mittelfeld landet. Ob wir die Roland Berger Studie nehmen, das Berenberg-HWWI Städteranking oder den Kreativitätsindex der sogenannten Ruhrbarone: München, Stuttgart, Frankfurt landen stets vor Hamburg.

Schmerzlich mussten wir unlängst aus der FAZ lernen, dass Hamburg die langweiligste Stadt Deutschlands sei. Und - wie hinzugefügt wurde - mit einem klapprigen Tor ins kulturelle Nichts. Ein Besucher könne in 1,9 Tagen alles abhaken, was Hamburg zu bieten habe.

Man mag diese Ansicht teilen oder nicht. Mit der Frage auseinandersetzen sollte man sich schon. Selbstbeweihräucherung hilft da nicht weiter.

Also: Wo steht Hamburg im Wettbewerb um die kreativsten Köpfe dieser Welt? Der nach dem US-Forscher Richard Florida benannte »Creativity-Index« sagt viel über das Potenzial einer Stadt.

Gewiss: die Entstehung und wachsende Bedeutung einer Werbeszene hat Hamburg für Kreative interessant gemacht. Aber für eine »creative class« reicht das noch nicht. Da gehört mehr dazu. Laut Florida gehören dazu drei Dinge: Talent, Technologie und Toleranz. Beim letzten Kriterium steht Hamburg aufgrund seiner großstädtischen Bevölkerungsdurchmischung ganz weit vorn. Bei der Frage nach Talenten und Technologie freilich erkennt man die Defizite: Ingenieure, Software-Entwickler, hochqualifizierte Wissensarbeiter von Fraunhofer-Instituten, High-Tech im weitesten Sinn, Forscher und Künstler, da wird es dünn.

Eines freilich brauchen alle, wenn man sie denn haben will, und das sind attraktive Wohnlagen, und die sind nun mal nicht in Steilshoop. Die sucht man, na wo? in der Innenstadt natürlich.

Gelegentlich, meine Damen und Herren nehme ich zuhause in meiner Bibliothek zwei Bände zur Hand mit dem Titel »Kriegsschicksale deutscher Architektur«, inzwischen übrigens vergriffen. Unter den meisten Bildern steht der Zusatz: Totalverlust! Es können einem Tränen kommen, wenn man sieht, welche unwiederbringlichen Schätze gerade in den letzten beiden Kriegsjahren verloren gingen und wie schön die deutschen Städte einmal waren. Der Feuersturm hat auch in Hamburg eine Trümmerlandschaft hinterlassen. Wir sehen in dem besagten Buch die Jacobi-Kirche ohne Turm und Dach, die Nikolai-Kirche zerstört und von der Katharinenkirche blieben auch nur Trümmer. Das Umfeld mit Grimm, Deichstraße und Cremon eine einzige Ruinenlandschaft.

Und hier möchte ich einhaken. Im Innenstadtkonzept heißt es auf Seite 20 etwas euphemistisch »Das Potenzial des Standortes wurde mit dem Wiederaufbau nicht vollständig ausgereizt«. Ich würde eher sagen, Thema verfehlt, der Wiederaufbau ist misslungen. Und nun komme ich zu meinem Vorschlag. Das ganze Quartier mit der Katharinenkirche in der Mitte sollte völlig neu überplant werden. Und zwar müssen wir wieder anknüpfen an die traditionellen Strukturen, die alten Straßenmuster, die ehemaligen Gebäudetypen und Fassaden. Hier wäre Gelegenheit, der Hafencity einen Kontrast entgegenzusetzen. Ich höre schon die Stimmen, kommen Sie bloß nicht mit Historismus oder Traditionalismus! Schauen wir aber nach Dresden, erkennen wir, wie harmonisch sich die Mantelbebauung um die Frauenkirche darstellt. Am Cremon kann man kein geschlossenes Stadtensemble erkennen. Was wir da sehen, ist geschichtsloser 60er Jahre architektonischer Schnellimbiss.

Ich könnte mir vorstellen, dass z.B. ein Architekturbüro wie Rob Krier und Christoph Kohl, die auf den Traditionen der europäischen Stadtkultur aufbauen, das mustergültig umsetzen könnten, haben sie doch in Holland und anderswo diesen neuen Urbanismus erfolgreich entwickelt. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht mir nicht darum, nostalgische Kulissen aufzubauen. Aber auf die Geschichte und auf das, was da mal war, wird man sich doch noch erinnern dürfen.

Oder, wie Hans Stimmann, der Architekt des Neuen Berlins, kürzlich sagte: »Je älter eine Stadt ist, desto mehr liefert sie das Programm, das der zeitgenössische Mensch im digitalen Zeitalter braucht.«

Hier, wenn nicht hier könnte attraktives Wohnen entstehen. Townhouses für den modernen Stadtmenschen, deren Fassaden geschichtsbewusst sich anlehnen an das, was da mal war.

Angereichert um Läden, wenn auch nur wenige als Nahversorger, dafür umso mehr Ateliers, Kneipen, Handwerker und Antiquitätenläden. Also: ein neues Schmuckstück für Hamburg, das wäre eine einmalige Chance.

Das Innenstadtkonzept lässt die Frage der künftigen Nutzung des Domplatzes bewusst offen. Ich weiß, das ist eine offene Wunde und man schweigt lieber, als das Thema erneut aufzugreifen. Auch das vorliegende Innenstadtkonzept geht höflich nur mit wenigen Worten darüber hinweg. Hier freilich wäre die einmalige Chance, aus der langweiligsten Stadt eine Perle der Kreativität und der kulturellen Neubesinnung zu machen. Gescheitert ist das bisherige Konzept ja daran, dass Helmut Schmidt mit einem Federstrich die Architektur vom Tisch gewischt hat und die Nutzung, also der Inhalt nur ein multifunktionales Mittelmaß vorsah.

Also, warum nicht die kreativsten Köpfe dieser Stadt erneut zusammenholen, einsperren, bis weißer Rauch aufsteigt und die einzige, überzeugende Idee präsentiert wird?

Sie werden vielleicht fragen, was hat alles dies mit unserem Thema »Handelsstandort Innenstadt« zu tun? Sehr viel!

Die Innenstadt ist der Stadtraum, in dem sich alle städtischen Funktionen vereinigen. Wissenschaft und Kultur, Wohnen und Arbeiten, Einzelhandel und übrige Dienstleistungen. Und es ist der Stadtraum, in dessen Architektur und Gestaltung sich Geschichte und Gesicht einer Stadt widerspiegeln.

Es ist ein Verdienst des Innenstadtkonzepts, die herausragende Rolle des Einzelhandels im Geflecht der innerstädtischen Funktionen deutlich herausgearbeitet zu haben.

Das Innenstadtkonzept tut dies, indem es zunächst auf ein seit Jahren beklagtes strukturelles Defizit verweist: auf den viel zu geringen Umsatz- und Verkaufsflächenanteil des innerstädtischen Einzelhandels, gemessen am gesamtstädtischen Einzelhandel. Verglichen mit München etwa kommt der innerstädtische Einzelhandel in Hamburg auf kaum mehr als die Hälfte des Umsatzanteils, bei der Verkaufsfläche ist es sogar deutlich weniger als die Hälfte. Auch in Köln und Hannover hat der innerstädtische Einzelhandel ein stärkeres relatives Gewicht als in Hamburg. Das Innenstadtkonzept formuliert es deshalb als Ziel, den innerstädtischen Einzelhandel Hamburgs wieder in eine ausgewogenere Position im Rahmen des Gesamtgeflechts der Hamburger Einzelhandels-Standorte zu bringen und ihm seine Alleinstellungsfunktion als wichtigster Einzelhandelsstandort zurückzugeben. Diese zentrale Zielformulierung kann man nur uneingeschränkt begrüßen – ebenso wie die damit eng verflochtene Zielsetzung, alle zukünftigen Einzelhandelsentwicklungen außerhalb der Innenstadt sehr viel restriktiver“ zu handhaben.

Hinter dem Ziel, der Innenstadt die angestammte Rolle als wichtigstem Einzelhandelsstandort zurückzugeben, steckt auch die unbestreitbar richtige Einschätzung, dass, wie es im eingangs von mir bereits erwähnten Weißbuch Innenstadt“ heißt, der Einzelhandel die ökonomische Basis“ einer jeden Innenstadt ist. Ein vitaler innerstädtischer Einzelhandel kommt allen übrigen Innenstadtfunktionen zugute. Die immobilienwirtschaftliche Tragfähigkeit des innerstädtischen Einzelhandels stützt auch die übrigen Nutzungen – nicht zuletzt das innerstädtische Wohnen.

Das Innenstadtkonzept beschreibt sodann wünschenswerte räumliche Entwicklungspfade, auf denen der innerstädtische Einzelhandel sich quantitativ und qualitativ zusätzlich entfalten soll. Im Ergebnis entsteht die Vision eines Einkaufsdreiecks mit dem Domplatz als Mittelpunkt, den zwei Achsen in Ost-West-Richtung, die man bisher auch als das Konsum-U“ um die Binnenalster beschrieb, sowie schließlich der stadtentwicklungspolitisch wichtigsten Achse in Nord-Süd-Richtung zur Anbindung von Überseequartier und HafenCity. Manche der aufgezeigten Entwicklungsperspektiven zeichnen sich z.T. schon sehr konkret ab, wenn man z.B. an die Verlängerungen der Einkaufszone über den Gänsemarkt hinaus denkt. Aber besonders ambitioniert erscheint die angestrebte Bildung einer durchgehenden Verbindung in den Süden mit Verknüpfung von Kontorhausviertel, Nikolaiviertel, Cremonviertel und Rödingsmarkt Richtung Speicherstadt und Hafen City. Gerade dieses herausragende stadtentwicklungspolitische Zukunftsprojekt zeigt die tragende Funktion des Einzelhandels im stadtentwicklungspolitischen Gesamtinteresse. Man kann es auch so formulieren: Ohne zusätzliche Einzelhandelsnutzungen lässt sich das stadtentwicklungspolitische Kernziel des Innenstadtkonzepts, die Nord-Süd-Integration nicht verwirklichen. Dies deutlich gemacht zu haben, ist ein besonderer Verdienst des Innenstadtkonzepts. Das Innenstadtkonzept ist insoweit auch eine Einladung an den Einzelhandel, investiv tätig zu werden.

Allerdings hängen die gewünschten Investitionen nicht nur von den städtebaulichen Rahmenbedingungen ab, sondern u.a. auch von verkehrspolitischen Weichenstellungen, die im Innenstadtkonzept nur kurz angesprochen werden.

Die Innenstadt muss für alle Verkehrsmittel offenbleiben. Gerade das Hamburger Beispiel zeigt, dass diese prinzipielle Offenheit nicht zulasten des ÖPV geht. In keiner deutschen Stadt ist der Anteil der Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel unter den Besuchern der Innenstadt so hoch wie in Hamburgs City: 2/3 der Besucher nutzen Bus und Bahn. Die Hamburger City ist gemessen an den Nutzungsanteilen der einzelnen Verkehrsträger der umweltfreundlichste aller Hamburger Einzelhandelsstandorte. Vor diesem Hintergrund wirkt die Debatte über eine City-Maut geradezu gespenstisch. Der innerstädtische Einzelhandel wehrt sich zu Recht dagegen, der Leidtragende einer puren Symbolpolitik zu werden. Wenn man mittels einer Maut die Autos zurückdrängen will, gibt es in Hamburg mindestens zwei Dutzend Einzelhandelsstandorte, die für ein derartiges Experiment geeigneter und ergiebiger wären als die Innenstadt. Der innerstädtische Einzelhandel kann auf die knapp 30 % der Kunden, die mit dem Auto zum Einkaufen kommen, nicht verzichten. Dieses knappe Drittel der zumeist aus dem engeren und weiteren Umland kommenden Besucher bringt dem innerstädtischen Einzelhandel knapp 40 % des Gesamtumsatzes. Eine Gefährdung dieser wirtschaftlichen Basis würde nicht nur die Existenz der Einzelhandelsunternehmen gefährden, sie wäre mit Blick auf die Funktion, die der Einzelhandel für die innerstädtische Entwicklung in den kommenden 10 bis 15 Jahren spielen soll und die ihm das Innenstadtkonzept so überzeugend zuweist, zutiefst kontraproduktiv.